>
<
Weizen - oder wie werde ich Millionär 
  
Und es begab sich als ich in Moskau wohnte ...
zur Zeit des AfghanistanEmbargos (~1980).
  
Wir nennen ihn mal Harry, den Abgewichsten.  
Harry wurde damit (wieder mal) zum Millionär.
Nachdem er den Verkauf von CocaCola in der damaligen Tschechoslowakei (CSSR) arrangiert hatte - und dabei zum ersten mal seine Hand aufgehalten hatte. Er war einfach reich.
War allerdings auch ein Säufer und Raucher vor dem HErrn.
Siehe dazu meine Bemerkungen am Ende dieses Beitrages.


Bei einem Embargo darf nicht alles geliefert werden, was ein Käufer wünscht. Embargo dient als (internationales) Druckmittel, ein (vermeintliches?) Unrecht zu beenden.
So war es damals bei Afghanistan und Russland. An Russland durften bestimmte Waren nicht geliefert werden; darunter fielen auch Computer und Ersatzteile dafür.

Aber nicht nur diese, sondern auch Weizen.
Warum ausgerechnet Weizen - weiss ich nicht; denn diese Maßnahme würde ja die unbeteiligte Bevölkerung treffen. Aber wo setzt man den Maßstab an? Die Bevölkerung würde dann zwar gegen die Regierenden auf die Barrikaden gehen, was aber schwierig werden könnte in Russland.

Also ... man brauchte Weizen. Woher nehmen und nicht stehlen, bzw legal einführen?
Das fragen wir doch mal Harry, unseren bewährten, jovialen Freund. Ja, der kannte den Block des russischen Aussenhandels vom ersten bis zum letzten (Sauf-) 'Kumpel'. Und Harry nickte zustimmend, nicht mal im Leisesten ahnend was auf ihn zukam. Oder doch?
Es war noch nicht mal die Rede von irgendwelcher Provision. Harry bemühte sich wirklich nur aus wahrer Freundschaft zum AussenhandelsGeschwader in dem gigantischen Bau in Moskau, und aus Freundschaft zu den Russen generell. Das sind nämlich durch die Bank sehr nette Menschen.

Harry kannte nicht nur die russischen Einrichtungen gut, er kannte -und das war/ist noch wichtiger- auch die Vorstände einiger westlicher Banken persönlich gut. Damit war der Weg schon mal geebnet. Es galt nur noch, einen legalen Lieferweg zu finden. Was sich als recht einfach automatisch ergab. Man lieferte einfach an die Ukraine; und was dort damit geschah? Man weiß es bis heute nicht, kann es sich aber an allen Fingern einzeln denken. Die Ukraine war (ist?) ja traditionell eine Kornkammer Europas.
Das mag den Ukraine-Krieg 2022 ... erklären.

Harry wäre nicht Harry gewesen, wenn er nicht im Sinn gehabt hätte, seine Hand weit offen zu halten. Hätte er den Banken den Deal überlassen, dann hätten die kassiert, Harry hätte außer nem Feuchten Händedruck noch ein Böses Grinsen abgekriegt. Wollte er aber nicht. Also Harry hatte Ideen.

Er lud drei honorige Herren vom Vorstand einer sehr bekannten Bank nach Moskau ein, sie sollten doch die Herren des russischen Aussenhandels persönlich kennen lernen. Vielleicht für den nächsten Coup?
Also die drei Herren in dunklen Anzügen mit der Lufthansa über Wien auf nach Moskau; Harry als Vortänzer. Sowas macht man ja nun nicht gerade jeden Tag.

Rein ins Hotel Rossia (gibts heute nicht mehr). Aber reichliche Bewirtung mit Damenriege gabs dort schon immer. Mein lieber Kokoschinsky, das war grandios. Keine Hemmungen die Herren; wir sprechen nicht nur russisch, sondern wir sind auch des Deutschen und vor allem des Französischen mächtig. James Bond Filme waren KinderbuchAusgaben. Russland hat übrigens die Landesvorwahl 007.


Der nächste Tag wurde dann geschäftlich.
Nämlich indem Harry erst mal allein zum Handelsministerium aufbrach und dort die Lage peilen wollte. Die Herren dort hätten ja rege zu tun, und Harry wollte den Tross der Banker ja nicht unnötig durch Moskau schleppen. Wenn er klar Schiff hätte, würde er die Herren anrufen, und dann sollten sie sich ein Taxi rufen lassen ... und und und. Die Herren sollten so lange neben dem Telefon auf ihrem Zimmer auf den Anruf warten. Jedenfalls sagte Harry das so, und die Banker folgten seinem Rat.

Nun, Harry rief auch an, aber er hatte böse Nachrichten, nämlich daß die Herren des Aussenhandels alle unterwegs seien, sie kämen aber 'bald' zurück. Solange sollten sich seine Banker auf dem Zimmer parat halten. 'Bald' ist in Russland zwar dehnbar, aber niemals definierbar.
Abends, weil natürlich vom Ministerium tagsüber keiner mehr zurückkam -und das wusste Harry natürlich genau, der war auch nie auf dem Ministerium-, könnten sie sich auch noch das russische AbendFernsehen im TV anschauen. Andere Unterhaltung gäbe es nicht.
Auch keine netten Damen, nicht mal gescheites Essen* (s.u.).

Harry exercierte das eine geschlagene Woche lang. Das hieß für die Bänker, eine Woche auf der Bude rumzuhängen ohne die geringste Unterhaltung, nix von Moskaus Schätzen gesehen zu haben. Aber das russsische Fernsehen in voller Länge.
Und nach einer Woche mit hängenden Ohren und leeren Händen wieder nachhause zu gondeln.

Es ist unglaublich, dass das dreimal passierte.
Sprich drei Wochen auf nem Hotelzimmer rumhängen ohne jegliche Unterhaltung.
Bis es den Herren Bankern dann doch zu blöde wurde.
Und sie anboten, dass sie eine Abmachung mit ihrem vertrauenswürdigen Freund Harry treffen möchten, dass er pro Tonne Weizen eine D-Mark Provision erhalten würde.


Die Tinte war noch nicht richtig trocken, und schon gingen eine Millionen Tonnen Weizen auf die BahnReise. Geliefert von einer sehr bekannten FuttermittelHerstellung; Deutschland verlassend über die polnische Grenze weiter zu weiteren Freunden in der Ukraine - und von dort mag sich jeder denken wohin weiter.
So funktioniert halt der 'Osten', hervorragend organisiert, alles.

Das erste was Harry sich kaufte, war ein Mercedes 450SEL 6.9.


Und so mancher Politiker könnte ans Grübeln kommen, warum 'der Osten' so mafiöso läuft und nur so laufen kann. Wäre es nicht so, würde der gesamte Laden in drei Tagen mangels Logistik zusammengebrochen sein.


Nun, eines Tages erwischte es Harry dann doch.
Er war ja nicht nur jowialer Säufer, sondern auch starker ZigarrenRaucher. Er kam eines Tages von Moskau nachhause sofort ins Krankenhaus. Ein Lungenflügel wurde entfernt.
Und weil er durch die Sauferei geschwächt war, kam er nie wieder auf die Reihe.
Von seiner Finka in Spanien kam er eines Tages totkrank mit Krebs im zweiten Lungenflügel heim.
Seine Letzten Worte an mich auf seinem(Kranken)Bett waren:
Dieter, bleibe wie Du bist und sauber, mach es nicht so wie ich.
Geld kann man nicht essen, und Geld heilt auch nicht; es macht nur den Abschied schwerer.


Harry hatte noch mehr 'Dreck am Stecken' -obwohl seine Geschäfte stets legal aussahen-, aber Einzelheiten dazu kenne ich nicht.

Übrigens ein Nachsatz: Es ist verjährt, und Einzelheiten kenne und kannte ich nicht. Und schon gar nicht die Namen anderer beteiligter Personen.

* Gescheites Essen kenne auch ich.
In der Werkskatine von Zapschastexport (Lada, garantiert winterfest) eine Woche lang Graupen pur, verfeinert mit einem Teelöffel geschmolzener Butter. Das hält besonders im Winter schlank. Denkbar, dass dann gern auf Vodka ausgewichen wird.